München - Deutschland im Frühsommer 2006. Die Menschen freuen sich auf die baldige Fußball-WM im eigenen Land, als ein blutiger Mord die Münchner erschüttert: Millionen-Erbin Charlotte Böhringer (59) wird im Penthouse über ihrer Parkgarage an der Baaderstraße mit 24 Schlägen brutal ermordet.

Charlotte Böhringer: Ein scheinbar perfekter Fall

Es dauert nur wenige Tage, da scheint die Kriminalpolizei den Täter gefunden zu haben: Böhringers Lieblingsneffen Benedikt Toth, der sie aus Angst, enterbt zu werden, getötet haben soll. 2008 wird Toth, der bis heute seine Unschuld beteuert, in einem höchst umstrittenen Indizienprozess verurteilt.

Werbung
Werbung

Zwei Mal scheitert sein Verteidiger, der Münchner Rechtsanwalt Peter Witting, mit Anträgen zur Wiederaufnahme des Verfahrens. Mittlerweile hat er einen dritten Versuch gestartet (AZ berichtete). Nun schaltet sich auch der CSU-Landtagsabgeordnete Hans Ritt in den Fall ein. Er stammt aus Straubing - also aus der Stadt, in deren Justizvollzugsanstalt (JVA) Toth inhaftiert ist. Die AZ hat mit ihm gesprochen.

Im Penthouse über dem Isarparkhaus ist Charlotte Böhringer ermordet worden. © imago/argum

AZ-Interview mit Hans Ritt: Der Kaminkehrermeister aus Straubing war von 2013 bis 2018 CSU-Abgeordneter im Landtag - und ist es als Nachrücker von Bernd Sibler seit 2022 erneut.

Sie befinden sich aktuell auf einer Google-AMP-Seite, auf der wir diesen externen Inhalt (Apester) aus datenschutzrechtlichen Gründen nicht anzeigen können. Hier geht es zur regulären mobilen Version des Artikels.

AZ: Herr Ritt, am Fall Charlotte Böhringer scheiden sich seit 16 Jahren die Geister. Deshalb gleich zu Beginn die Gretchenfrage: Halten Sie Benedikt Toth für schuldig oder nicht?
HANS RITT: Ich bin ihm zwei Mal begegnet und habe das Gefühl, er ist unschuldig.

Wie kommen Sie darauf?
Wissen Sie, ich habe als Vorsitzender des Anstaltsbeirats Sprechstunden in der JVA Straubing und auch in der Forensischen Klinik dort abgehalten. Da habe ich viele verurteilte Schwerverbrecher kennengelernt. Benedikt Toth passt einfach nicht in dieses Bild.

Bence Toth: "Er ist anders, als die typischen Häftlinge"

Wie haben Sie ihn bei Ihren Begegnungen erlebt?
Höflich, zuvorkommend, aufgeschlossen - eben nicht der typische Gefangene, wie man ihn sonst erlebt.

Das könnte aber auch eine Masche sein, um vertrauenswürdig zu wirken.
Möglich. Aber ich habe mir gedacht: Wenn ich fast 17 Jahre lang unschuldig im Gefängnis gesessen hätte, hätte ich anders reagiert als er. Sicher ist er irgendwie gebrochen, hat nach der langen Zeit vielleicht klein beigegeben - aber in meinen Augen war er kein Typ wie diejenigen, die zu mir in die Sprechstunde gekommen sind. Er ist anders als die Männer, die ich dort erlebt habe.

Lebenslang - trotz schiefer Beweislage

Nichtsdestotrotz ist Benedikt Toth rechtskräftig und unter Berücksichtigung der besonderen Schwere der Schuld zu lebenslanger Haft verurteilt worden.
Was mir dabei zu denken gibt: Er ist Linkshänder und die Tat ist nachweislich mit rechts geschehen. Ich bin Handwerker, Kaminkehrer - und Rechtshänder. Alles, was ich tue, mache ich mit rechts. Er soll seine Tante erschlagen haben, nicht irgendwen, eine absolute Stresssituation. Da ist es unmöglich, die ausführende Hand zu wechseln. Das geht nicht. Ein Rechtshänder wird in einem solchen Moment immer mit rechts zuschlagen, ein Linkshänder immer mit links. Klar, zu meiner Schulzeit hat man noch versucht, Linkshänder umzupolen. Aber ich bin 60 Jahre alt, Herr Toth 47 - zu seiner Zeit war das nicht mehr üblich.

Der Punkt, den Sie ansprechen, wurde auch von den Anwälten thematisiert - ohne Erfolg.
Vielleicht war man vonseiten der Ermittlungen von Anfang an zu festgefahren. Herr Toth war ja nicht der einzige Begünstigte. Es gab auch andere. Und wenn laut Ermittlungen Frau Böhringer am Tag ihrer Ermordung noch darüber nachgedacht hat, am Testament etwas zum Nachteil eines anderen Erben zu verändern, dann frage ich schon, warum nicht gründlicher in diese Richtung überlegt wurde. Zumal es ja jetzt so scheint, als ob ein Verwandter dieses Erben im Prozess 2008 falsch ausgesagt hat und sich das Alibi dieses Verwandten deswegen als nichtig herausstellen könnte. Ein Grund, warum der Rechtsanwalt von Bence Toth jetzt ein Wiederaufnahmeverfahren beantragt hat - das dritte!

Wird den berechtigten Zweifeln nachgegeben?

Wie zuversichtlich sind Sie?
Es macht mir Sorgen, dass zum dritten Mal das Landgericht Augsburg darüber entscheiden soll, das eine Wiederaufnahme ja schon zwei Mal abgelehnt hat. Das halte ich nicht für geschickt, auch wenn die Justiz natürlich unabhängig ist, im Vorfeld über die Zuständigkeit entschieden wird und die Richter durchwechseln. Hinzukommt, dass ich als Kaminkehrermeister und öffentlich bestellter vereidigter Sachverständiger weiß, dass die Gerichte beim Lesen dieser ganzen Aktenberge nicht hinterherkommen. Sie sind überlastet. Das habe ich als Gutachter oft genug erlebt. Aber wie auch immer: Ich werde sehr genau verfolgen, wie das alles weitergeht und ob den berechtigten Zweifeln endlich nachgegangen wird.

Ude im Unterstützerkreis

Sie sind keineswegs der erste bayerische Politiker, der sich mit diesem Kriminalfall befasst. Florian Streibl von den Freien Wählern hat 2016 im Landtag eine Anfrage zu juristischen Ungereimtheiten gestellt. Münchens Alt-OB Christian Ude ist das prominenteste Mitglied des neue Unterstützerkreises, der sich vor wenigen Monaten gegründet hat. Warum sollten Sie mehr ausrichten können?
Naja, Schornsteinfeger sollen ja bekanntlich Glück bringen…ernsthaft: Ich bin auf den Fall aufmerksam gemacht worden und ich seh' es als meine Aufgabe als Abgeordneter an, mich um Sachen zu kümmern, bei denen ich das Gefühl habe, es stimmt was nicht oder es geht womöglich ungerecht zu. Deswegen will ich - genauso wie der Unterstützerkreis -, dass da genau hingeschaut wird.